Ich verbinde Gastronomie mit Kunst

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HD Moll als alter Gastrohase aus Köln wurde 2012 vom MENSCH Magazin interviewed. Hier für Euch nochmal exklusiv:

Der Künstler und Gastronom HD Moll hat uns in seine Wohnung in Ehrenfeld eingeladen. Auf seinem roten Sofa, umgeben von selbsthergestellten Kunstwerken wie den Osterhasen mit Barbie-Bein-Ohren, erzählt er uns, warum er die Zeit nicht mag und wie er zu seinem Szenelokal „L“ gekommen ist.

Was würdest du sagen, ist das Bedeutendste, was du mal geschaffen hast?

Also ein Bild, das würde ich nicht weggeben, das ist das was da hängt (zeigt ins Nebenzimmer an die Wand). Das Bild mit der Hand. Da fallen mir die Dürer-Hände zu ein, aber morbider, da die Hand vom Handgelenk abgetrennt ist und eine Stoppuhr hält. Das ist mein erstes Öl-Bild, das ich gemalt habe und ist von 1983. Das Motiv ist: Ich mag keine Zeit.

Du magst keine Zeit?

Und keine Armbanduhren (grinst). Ganz einfach!

Und wieso magst du die Zeit nicht?

Ich hab mit Zeit nix am Hut.

Hast du in deiner Wohnung keine Uhr?

Doch, jede Menge (lacht). Aber ich habe keine Armbanduhr.

Würdest du sagen, dass du dann versuchst, deinen Tag auch gar nicht in Stunden einzuteilen?

So wie ich mit der Zeit klarkomme. Aber ich guck nicht auf die Uhr und denk, ich muss Sachen dann und dann erledigen. Heute musste ich es machen.

Denkst du, viele sind ein Sklave der Zeit?

Ja, sicher! Die haben keine Zeit zum Leben.

Was ist für dich wichtig im Leben?

Es kann natürlich nicht jeder leben, wie ich lebe. Ich war im Prinzip immer ziemlich selbstständig. Es kann nicht jeder so leben. Manche Menschen müssen halt Geld verdienen, indem sie morgens auf die Autobahn gehen und schnell mal einen Kaffee zu Hause nehmen um wach zu werden und dann los auf die Autobahn –  also ich würde verrückt. Das war nie mein Ding.

Ist also schon Luxus, so zu leben wie du?!

Im Grunde ja. Ja! Wenn ich mich mit anderen vergleiche, finde ich, wie ich lebe, ist schon Luxus, also von der Zeit her. Materielles brauch ich nicht. Mir ist wichtig, dass ich meine Zeit hab. Meine Sachen. Nur zum Zeichnen komm ich halt nicht, weil die Kneipe, die raubt auch viel Zeit. Das ist nicht so, dass die nur abends aufhat, man muss sich auch tagsüber drum kümmern.

Und wenn du doch mal Zeit zum Zeichnen hast, wie läuft das dann ab?

Komischerweise bin ich gerne draußen, an einem neutralen Ort. In einem Café, wo mich keiner kennt.

Und was zeichnest du dann?

Wenn mir nichts einfällt, spritze ich Tusche ins Buch, klappe es zu und gucke, was dabei rumkommt. Einen kleinen Einblick kann ich dir geben, ich hab da eine Kladde liegen … (holt ein dickes Skizzenbuch hervor)

Auf der ersten Seiten, was ist das? Eine Einkaufsliste oder ein Cocktailrezept: 4 Orangine, 2 Wodka-Lemon?

Ich hab keine Ahnung. Ist schon lange her, ich kriege die Kladde einfach nicht voll.

Nacktszene, woher kam hier die Inspiration?

Keine Ahnung (lacht). Frauen sind immer mit drin.

Sind Frauen für dich eine Quelle der Inspiration oder eher ein Störfaktor?

Die sind beides. Die können beflügeln, die können aber auch stören. Also hab ich beides gehabt. Vor allem hatte ich das, als ich noch ein Atelier hatte auf der Marienstraße. Dann kann ich nicht ab, wenn dann jemand anruft und sagt: ‚Um acht ist das Abendessen fertig‘. Weil den ganzen Tag hab ich nix gemacht und abends war halt Ruhe.  Abends oder nachts kann ich halt am besten zeichnen.

Bist also auch eher nachtaktiv?

Ja, schon immer. Deswegen macht mir die Kneipe nicht so viel aus.

Hast du vor, hieraus mal was zu veröffentlichen?

Na ja, man kann eine Kladde schlecht veröffentlichen, es sei denn, man ist mit anderen Sachen berühmt geworden. Nö, ich hab mal meine ganzen Kladden, also ich hab bestimmt zehn Stück davon, mit der Kamera abgefilmt. Und hab dann so einige DVDs, die ich dann auch bei mir im Laden laufen lasse.

Du verbindest auch deine zwei Welten Gastronomie und Kunst?

Genau, ich verbinde das. Ich zeige halt meine Sachen da und wenn jemand anderes einen interessanten Film hat, den zeige ich auch. Also ich zeige nicht nur meine Sachen, ich zeige auch Sachen von anderen Leuten. Wir haben auch schon kleine Ausstellungen gehabt, wo der Billiardtisch dazu benutzt wurde, um etwas aufzubauen. Aber das ist selten der Fall. Wir haben keine Wände, um Sachen aufzuhängen. Ich hab auch keinen Platz, Sachen hinzustellen. Da sind praktisch nur meine eigenen Sachen drin und vier Bilder von anderen.

Gibt es etwas, was du einem jungen Künstler empfehlen würdest?

Schwierig. Arbeiten, arbeiten, arbeiten! Öffentlich arbeiten, mehr öffentlich arbeiten. Im Kämmerchen arbeiten, das bringt nix mehr. Also wenn, dann muss man nach draußen gehen.

Glaubst du, man kann heute von Kunst leben?

Manche können es, manche nicht. Also ich konnte nicht davon leben. Teilweise schon, aber der Unkostenapparat war zu hoch. Das ging nicht.

Wie hat sich die Kunstszene in Köln seit den 1980ern entwickelt?

Es passiert zu wenig draußen, habe ich das Gefühl. Früher ist mehr draußen passiert. Irgendwelche Aktionen. Natürlich gibt es Leute, die draußen rumsprayen und es gibt gute Hauswände mittlerweile, was mir sehr gut gefällt, teilweise. Vor allem hier in Ehrenfeld sind einige gute Sachen an die Wand gekommen.

Du kommst ja eher aus der klassischen Kunstrichtung, was hältst du von modernen Formen?

Was ich liebe, sind experimentelle Filme. Zeichentrickfilme, die neuen. Es gibt darunter ja auch welche im klassischen Stil. Ich mag tendenzielle gute, kurze Sachen, die auf den Punkt kommen. Mir fallen jetzt nur gerad keine Namen ein.

Und worüber kannst du dich aufregen?

Aufregen tun mich laute Leute im Laden. Autos regen mich auf, der Kindergarten nebenan regt mich auf. Ich bin nur auf der Flucht in der Wohnung und überlege, wo ich am ruhigsten schlafen kann (lacht). Disko regt mich auf.

Also alles, was laut ist und Lärm macht? 

Alles, was richtig lauter Lärm ist, aber ich liebe auch Punk und gehe auf Konzerte. Und das ist auch schon Krach. Aber die Musik mag ich.

Wo gehst du sonst gerne hin? 

In den Heimathirsch in Nippes. Da ist immer am letzen Donnerstag im Monat Comedy. Und da sind teilweise auch sehr bekannte Leute. Das ist schon eine fetzige Stunde da. Die Location kannte ich noch aus den 1970er Jahren, als ich noch in Nippes wohnte. Und Nippes hatte damals ein bisschen mehr als heute. Also nicht so schicki-micki, da gab es so zwei, drei Sachen, wo richtig gut Power lief. Was heute nicht mehr so der Fall ist. Seit den 1980er wohne ich ja in Ehrenfeld und hab hier die Entwicklung so mitbekommen. So wirklich alte Läden wie der Sonic oder das Underground. Dabei ist der Sonic noch gar nicht so lange da, ich glaube, das müsste so zehn Jahre alt sein. Die haben damals angefangen, als der Abel das „L“ abgegeben hat und wir haben uns zu dritt da reingehängt. Der eine ist abgesprungen und der andere hat die Konzession gehabt und ich hab dann weitergemacht. Als die damals im Sonic anfingen, kamen die sogar noch bei mir Bier trinken. Aber irgendwann hatten die dann keine Zeit mehr (lacht). Und dann gab es auch mal Ärger wegen Lautstärke und dann haben sie ihre Krisensitzung bei mir abgehalten. Mittlerweile hat sich der Laden ja etabliert.

 

Mehr Interviews und mehr Menschen aus Köln findet Ihr hier:

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MENSCH AUSGABE 1
DAS STUDIO

Pascal Schöning

Ich bin Pascal, studierter Designer und Typograf aus Köln. Als Jugendlicher bin ich über Graffiti zum Design gekommen und habe das Hobby nach der Schule zum Beruf gemacht und studiert. Nach etlichen Stationen in Design-, Werbe- und Contentagenturen – in denen ich zuletzt als Creative Director und Geschäftsführer tätig war – habe ich mich 2012 dann ganz selbständig gemacht um mehr Flexibilität für Reisen und eigene Projekte zu haben. Als Barbetreiber, Galerist, Veranstalter, Herausgeber und Verleger eines Magazins, Kommunikationsberater, Gründer einer Fotografenrepräsentanz und Kurator habe ich in den vergangenen Jahren vieles gemacht und dabei nie den Spass an der Arbeit als Designer und Creative Director verloren.

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